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Die Große Reise - Philosophisches Gleichnis -

Die Große Reise

Auf meiner Reise durch die Unendlichkeit traf ich auf unzählige Welten.

 Manche hatten Sonnensysteme, andere versteinerte Räume. Einige wiederum enthielten nichts weiter als lauter verrückte Träume.

 

Doch eine Welt, eine einzige nur, blieb auffallend in meinem Sinn. Auch wenn sie klein, ja unscheinbar, so mutet sie dennoch besonders an, im höchsten Grade phantastisch, denn sie bot mir ein glanzvolles Spiel.

 

Davon ich euch berichten will. 

 

Ein Planet ist sie, diese Welt, winzig klein, facettenreich ihr Angesicht. Sie leuchtet nicht von allein. Eine Sonne gibt ihr das Licht. Von weit draußen betrachtet aus dem tiefen All gleicht sie eigentlich einem blauen Ball.

 

Die blaue Kugel dreht sich um sich selbst herum. Stetig um die eigene Achse. Sie ist wie aufgezogen und immer auf ihrem Posten, natürlich Richtung Osten. 

 

So zieht sie ihre Bahnen gleichmäßig, geruhsam mit Wonne in großen Kreisen, wie an einer langen Schnur um die Sonne. Diese Welt ist ein Ort von grenzenlosen Weiten, lieblich, voller Schönheit und Pracht. Dieser Platz bietet unendliche Möglichkeiten, vom göttlichen Ursprung erdacht.

 

Im Inneren dieser Welt formt sich elegant ein Gestein von Wand zu Wand zu einer Spirale, wie ein Schneckenhaus, das sich an einem gewissen Punkt für die erste Kurve windet und dann in stetig größer werdenden Kreisen um sich selbst herum ein Zuhause findet.

 

In diesem spiralförmigen Meisterstück mit seinen zahlreich gewundenen Gängen scheinen sich gar angestrengt unzählige Wesen zu drängen.

Vor der ersten Kurve, ganz am Anfang schon, da werden die Kleinen geboren.

 

Ohne Kontakt zu liebenden Herzen wären sie sicher bald verloren. Die Familie erfüllt an dieser Stelle einen ganz eigenen Sinn. Wenn sie Offenheit und Liebe schenkt, scheint sie für das Kind der größte Gewinn.

 

Doch nicht in jeder Familie wohnen warme erfüllte Herzen, denn viele Eltern litten als Kind selbst schon an Kälte und seelischen Schmerzen.

 

Für den weiteren Weg des kleinen Wesens ist von Bedeutung von welcher Art es geprägt, welchen Bedingungen es ausgesetzt ist in der Familie und in der Welt, was es begrenzt und welche Erfahrungen sein tieferer Plan enthält.

 

Während das Kleine sich entwickelt, gedeiht, zeigt sich dann inwieweit es daran wachsen kann. Letztlich bestimmt des Wesens weiteren Weg nicht sein Handeln und nicht, was es begehrt, sondern dessen ganz ungeachtet, wie es mit begrenzenden Situationen verfährt und ob es alles, was ihm begegnet, als Freund oder Lehrer achtet.

 

Doch darüberhinaus ist auch von Belang, inwieweit es sich selbst, ja, das Leben mit Achtsamkeit und Liebe betrachtet. 

 

Obwohl alle Gefährten ihr Leben gleichzeitig miteinander verweben, bewegen sie sich an verschiedenen Stellen. Und ganz gleich, für wie jung oder für wie alt sie sich halten, überwinden sie alle irgendwann  ihre Leidensschwellen. 

 

Ihnen ist zumeist nicht klar, dass sie eine Einheit sind. Jeder hält sich für separat,  abhängig vom Schicksalswind.

Hin und her geworfen von dem, was geschieht, ausgeliefert, ohne eigene Macht.

 

Kleinheit und Mangel mit dunklen Gedanken in tiefem Schlafe selbst erdacht. So wanken sie mechanisch mit gesenktem Blick, schauen angstvoll nach vorn und mit Bedauern zurück.

 

Doch das genau gehört zu dem Spiel, zum Rätsel, zur Großen Reise. Denn jeder versucht auf seine Weise, das Mysterium zu lösen und zu verstehen. So suchen viele nach einem Sinn und nach Antworten im äußeren Sein.

 

Doch bald wird die ewige Suche jedem einmal zu viel.

Und er erkennt: Nur durch Hingabe erreicht sich das Ziel.

 

Ob Wut, ob Zorn wie Feuersturm weht oder leidvoller Schmerz am Wesen klebt und das tiefste zu durchbohren scheint, die Traurigkeit gar kummervoll weint, der Zweifel, das Misstrauen falsche Götzen beweist, so flackert doch in jedem Geist ein kleiner Funke, der sich gewaltig streckt und sich durch achtsames Denken und bewussteres Lenken schließlich und endlich selbst entdeckt.

 

Von der liebenden Quelle angehaucht, wird aus dem Funken eines fernen Tages ein helles Licht, ein sanftes Feuer, strahlend und warm, an dem sich ein suchenden Herz seiner selbst erinnern wird, sich sehnend freudvoll entfaltet, in Liebe und Frieden das Leben gestaltet und seinen Schöpfergeist glücklich gebiert.

 

Jedes Wesen glaubt sich durch Zeit und Raum zu bewegen. Doch sind diese Strukturen wirklich oder letztlich nur Schall und Rauch? Illusionen verwehen wie Geisterhauch.

Das Wesen kann nur soweit gehen, wie es bereit ist sich zu öffnen und zu vertrauen. Dann erst kann es Hingabe üben, andere Wege sehen, das Neue verstehen, erkennen, dass es nur träumt und jetzt erst wird es das Fremde begrüßen wie einen alten Freund.

 

An diesem Punkt beginnt etwas Neues, das Wesen spürt einen Weg, der an alten Grenzen vorbei hinüber zum Herzen lenkt. Geist und Seele werden berührt und sanft zum Aufbruch gedrängt.

Dieser Pfad führt zu einem heiligen Wissen, das ziemlich tief versteckt im Inneren des Wesens liegt und darauf wartet, dass es von achtsamer Hand geweckt.

 

Wenn das Wesen dann die Augen schließt, still, ganz still und leise, sich vertieft in die innere Reise, in sich selbst verharren kann, hört es auf wundersame Weise aus seiner Tiefe irgendwann, ein leises, altbekanntes Rufen. Diese Stimme ist wahrhaftig omnipräsent und das Wesen erhebt sich endlich auf höhere Bewusstseinsstufen. 

 

Und dennoch kommt jedes Wesen irgendwann in der letzten Runde an. Wie alt oder jung spielt keine Rolle in diesem Theater des Lebens. Auf der großen Reise des Strebens ging es einzig um Wachstum und zahlreiche Lektionen in dieser einzigartigen Schule. 

 

Und konnte der Schüler das Ziel erreichen, bleibt ihm nichts mehr zu tun,  als aus dem Körper zu weichen.

 

 Zwar oft zunächst mit Unbehagen, Einwänden, diversen Fragen, jammernd oder leise klagend, widerstrebend, arg verzweifelt, heftig zaudernd und vereinzelt sich mit allen Kräften wehrend, vom Unvermeidlichen abkehrend.

 

Oftmals hält das Wesen fest an der Hülle, seiner Form, die ihn sowieso verlässt und verzögert so für lange Zeit die himmlische Glückseligkeit, die von der Todesangst befreit.

Oh, wissen sie denn nicht, dass das Festklammern an Formen ihre eigentlichen Ziele bricht?

 

Sich gegen die Strömung des Lebens zu richten, lässt beklemmende Angst in die Herzen einkehren. Furcht kann nur Leid und Schmerz gebären.

 

Wer aber das Königreich mutig und voller Vertrauen willkommen heißt und im offenen Herzen um seine Entscheidung weiß, der lässt los mit klarem Sinn und befreitem Verstand, mit beherztem Streben, genau an der Stelle, wo es endet, dieses Leben.

 

Wenn das Tor sich öffnet und das Leben sich befreit, bleibt der Körper zurück. Er ist ein Ding, nur ein Stück, das rasch vergeht, wie vom Winde verweht. Nicht einmal ein Wölkchen erinnert an das verschwundene Wesen. Sein Licht scheint erloschen.

 

Was für ein Drama für die Verbliebenen! Für sie ist die Perspektive aussichtslos, gar fürchterlich, dem Wertvollsten beraubt, zurück bleibt nur noch Staub und ein durchtrenntes Band. Welch hoffnungslose Lage vor der letzten Wand.

 

Da ist keine beantwortete Frage und scheinbar überhaupt kein Sinn. 

 

Auf der anderen Seite, wenn das Tor sich  hinter dem Wesen schließt,  es sogleich eine wilde Fahrt genießt.

 Jubelnd, von allem befreit, mit klarer Sicht auf den großen Plan, saust es mit einiger Geschwindigkeit für das nächste Spiel im Herzen bereit durch einen verborgenen Kanal an den Anfang der Spirale zurück. 

 

Welch ein Glück! 

 

Dort, wo die Spirale sich an einem gewissen Punkt für die erste Kurve windet, ganz am Anfang schon, da wird das Wesen geboren. Und natürlich, wie könnte es anders sein, in exakt die Bewusstseinsstufe hinein, die es im vorigen Spiel sich überaus mühsam und ziemlich beschwerlich mit Bravour und Stil erarbeitet hat.

 

Ohne Kontakt zu liebenden Herzen wäre das Kleine sicherlich bald verloren.

 

Und wieder übernimmt die Gruppe aus Verwandten, Lehrern und Freunden ihre besondere Rolle, denn niemand will seinen Dienst in der Entfaltung versäumen.

 

Das Wesen hat sich entschieden. Rien ne vas plus!

 

Eine neue Form ist entstanden, eine andere Geschichte, eine frische Identität, eine weitere Runde beginnt. Erneut als kleines Kind.

 

Doch wo ist der Sinn all dieser Runden, die diese Wesen Stunden um Stunden, jahrhundertelang, äonenweit scheinbar drehen schon seit ewiger Zeit?

 

Ich werde nicht zu viel verraten, denn diese Große Reise öffnet deinen Geist auf eine besondere Weise für ein inneres Forschen, ein großartiges Denken. Also horche mit gesammelter Aufmerksamkeit tief in dein Herz, in deine Seele hinein und lass dir von dort Antworten auf folgende Fragen geben:  

 

Folgen alle Wesen wohl unbewusst einem großen Plan, einem inneren Lenken? Wo führt diese Reise hin? Was ist der eigentliche Sinn?

Wer endlich genug hat vom Leiden, den Ängsten, den Dramen der Welt, wer keine Lust mehr verspürt auf die ewigen Runden als enttäuschter Verlierer, hilfloses Opfer, gekonnter Verführer, grausamer Jäger, strafender Richter oder als strahlender Held, der wird einen Ausweg suchen.

 

Und wer sucht, der wird finden, auch mit Augenbinden, denn er blickt nach innen, wo alle Weisheit wohnt.

 

Und der kleine anfängliche Funke ward gewachsen zu einem Licht. So hell und klar offenbart es dem Wesen eine tiefe heilige Sicht. Das Wesen wird sich erkennen und sich nie wieder trennen von seinem inneren Glück.

 

Es wird sein Herz öffnen, sein Eigen finden, sich nimmermehr binden an die sinnlosen Gedanken vom Ego-Verstand. Endlich kann es verlassen das trennende Land und dann erst ist es wirklich bereit, sich zu befreien nach scheinbar endloser Zeit aus dem ewigen Rad von Wiedergeburt und Leid. 

 

Ganz gleich an welcher Stelle das Wesen auch steht in den zahlreichen gewundenen Gängen, in denen sich noch immer die anderen drängen.

 

Plötzlich erblickt es eine uralte Tür.

 

Ein Tor, das es nie zuvor sah. Und es regt sich im Wesen ein gewaltiges Gespür von seltsamer Art, köstlich und zart. Mitten ins Herz hinein fließen Wärme und Geborgenheit, eine solche Liebe, die es nie zuvor gespürt, tiefes Erkennen vom Heiligen Geist geführt.

 

Golden funkelnde Glückseligkeit kreist, weil das Wesen endlich von sich weiß. 

 

Keinen Gedanken wird es verlieren an die alten Spiele, die geliebten Gefährten  oder persönlichen Ziele.

 

Ganz gleich, ob es in einem jungen oder in einem alten Körper steckt, wenn es die Türe öffnet, um einen Blick zu erhaschen, wird es unverzüglich und zwar höchst vergnüglich mit dem gleichen freudigen Jubel die Welt der ewigen Runden verlassen, wie ein Knabe aus dem Schultor springt.

Auch wenn sie klein ist, diese Welt, ja unscheinbar, die blaue Kugel, die in ihrem Inneren einer Spirale gleicht, genau diese Welt, diese eine nur blieb mir besonders im Sinn.

 

Mit ihren Wünschen, den Sehnsüchten, ihren Schmerzen und all ihrem Leid waren die bezaubernden Wesen trotz ihrer inneren Kriege bereit, mutig über sich selbst hinauszuwachsen, hinein in ihre Wirklichkeit.

 

Sie verwandelten sich in ihre höchste Form, in ein freudvolles Wesen ganz aus Liebe und Licht. Und erschufen so in ihrem Streben und Werden endlich den Himmel auf Erden.

 

Dies ist nicht das Ende, es ist der Anfang.

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Gitte Malou Weiß

Spirituelle Lehrerin - Autorin

HÖVELHOF / OSTWESTFALEN

E-Mail: gitte.weiss@freenet.de