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Was ist die größte Angst des Menschen?

Vor einigen Wochen dachte ich über die größten Ängste des Menschen nach...

Zuerst fragte ich mich: Was ist meine größte Angst? Der Tod ist es nicht, denn ich bin mir sicher, dass er nur der Durchgang zwischen zwei Türen ist. Habe ich überhaupt Ängste? Tja, seitdem ich mich mit Selbstreflexion beschäftige, sind sie mir größtenteils bewusst geworden. Viele Blockaden konnte ich bereits auflösen. Ja, dennoch bin ich auch nur ein Mensch. In stressigen Situationen oder wenn ich mich angegriffen fühle, kann es passieren, dass kleinere oder auch größere Ängste hochkochen. Das kennt fast jeder. Doch was ist die größte Angst des Menschen?

 

Ich wollte nicht nur Rätselraten. Also startete ich im Bekannten- und Freundeskreis eine kleine, höfliche Umfrage per WhatsApp. Ich hatte circa fünfzig Personen ausgewählt. Ich fragte nicht nach den persönlichen Ängsten, sondern danach, was wohl die größte Angst des Menschen sein könnte. Noch am gleichen Tag trudelten die ersten Antworten ein. Heraus kam eine bunte Mischung. Die am häufigsten genannten Ängste waren:

 

  • große Schmerzen erleiden zu müssen
  • eine schwere Krankheit zu bekommen
  • einen geliebten Menschen an den Tod zu verlieren
  • selbst zu sterben

An zweiter Stelle waren: die Angst vor Einsamkeit, Kriegen, Katastrophen, Kontrollverlust, Verlust der monetären Sicherheit und die Zerstörung des gewohnten gesellschaftlichen Fundaments. Natürlich hat jeder Mensch verschiedene Ängste und das in ebensolcher Ausprägung. 

Oft sorgen schlechte Erfahrungen in der Kindheit für die Entstehung von Ängsten. Diese sind fast immer bis ins Erwachsenenalter hinein wirksam.

Das können sowohl einfache Prägungen aus dem Elternhaus sein, als auch ganz schlimme Erlebnisse. Als Kind und als junge Frau hatte ich auch mit einigen Ängsten zu kämpfen, die mir durchaus bewusst waren. Ich fürchtete mich vor Spinnen. Besonders die etwas größeren mit den behaarten Beinen konnte ich nicht ausstehen. Überall liefen sie mir über den Weg. Hob ich einen Tischtennisball vom Rasen auf, saß ich mit einem Buch unter einem Baum oder suchte im Keller nach einem Glas Marmelade, jedesmal krabbelte mir eine Spinne entgegen. Einmal riss ich als Zehnjährige beim Abendbrot beinahe den Tisch um, weil ich mich vor einer Spinne retten wollte. Bewusste Ängste haben den Nachteil, dass sie häufig die Angstauslöser selbst ins Leben rufen. Wir fokussieren uns so stark auf unsere Abneigung, dass hier das Gesetz der Anziehung greift.

 

Der Vorteil ist allerdings, dass sie uns offen ins Auge fallen und wir so die Chance haben, etwas zielgerichtet zu verändern.

Für unsere unbewussten Ängste sind wir blind. Erst, wenn uns andere direkt oder durch ihr Verhalten darauf aufmerksam machen, haben wir die Möglichkeit mit ihnen zu arbeiten.

Doch will jeder Mensch an seine verborgene Angst erinnert werden? Die meisten wohl nicht. Wer ist schon bewusst genug, sich mit seinen inneren Schattenseiten zu beschäftigen? Viele Menschen tun alles, um ihre schmerzhaften Gefühle bloß im Dunkeln zu belassen. Sie wollen nicht an etwas erinnert werden, das sie mühsam verdrängt haben. Und wenn die Ängste doch mal von innen anklopfen, weiß doch jeder, wie er sich am besten ablenken und betäuben kann. Durch 

  • exzessives Freizeitvergnügen
  • überzogenes Konsumverhalten
  • ständige Überstunden im Beruf
  • Alkohol, Zigaretten
  • sonstige Süchte

Die ganze Welt ist voll von Menschen, die vor ihren "schlechten" Gefühlen davonlaufen und ihre Ängste verdrängen.

Auch mir erging es nicht anders. Vor einigen Jahren, als ich schon lange auf dem spirituellen Weg war, wurde ich mit einer besonders tiefsitzenden Angst konfrontiert.

Mein Lebensgefährte und ich waren erst seit kurzem zusammen. Wir waren auf dem Weihnachtsmarkt. Es war früher Abend und schon dunkel. Die Adventsbeleuchtung funkelte im Getümmel und warf bizarre Schatten. Vor einem großen Kaufhaus blieb mein Freund stehen und sagte: „Schatz, ich geh da mal rasch alleine hinein. Ich will nur etwas für dich abholen…das sollst du noch nicht sehen. Ich komme gleich wieder.“ Er zwinkerte mir zu.

Etwas Dunkles kroch in mir hoch. Mein Herz raste. Meine Gedanken überschlugen sich:

 

Und wenn wir uns verpassen? Wenn er mich nicht findet? Hier sieht doch alles gleich aus. Die vielen Menschen, da könnte er mich übersehen.

 

Ich behielt den großen Eingangsbereich im Auge und beobachtete angestrengt, wie die Menschen hinein- und hinausdrängten. Jeden männlichen Besucher nahm ich genau in Augenschein, damit ich meinen Liebsten bloß nicht verpasste. Plötzlich hielt ich inne. 

 

Meine Güte? Was mache ich hier eigentlich? Ich habe mein Handy, meinen Autoschlüssel und genug Geld. Ich kann ihn jederzeit anrufen oder nach Hause fahren. Außerdem bin ich in meiner Heimatstadt und nicht mitten in New York.

 

Ich schämte mich meiner Ängste.

Wenn wir aufmerksame Selbstbeobachter werden, können wir alle Ängste und Schatten auflösen.

Anstatt also mit Herzrasen und Gedanken des Kontrollverlustes zu reagieren, können wir mit Klarheit, Ruhe und Entspannung auf die Angst reagieren. Wichtig ist allerdings, dass wir bereit sind, aus höherer Perspektive nachdrücklich auf die eigentliche Ursache unserer Angst zu schauen. 

 

Und so sah ich mich erneut als knapp Zweijährige in einem großen Gebäude, in dem alles gleich aussah. Kahle Wände, weißbekleidete Menschen und viele Türen. Meine Eltern beugten sich zu mir hinunter und sagten: „Kleines, wir gehen mal kurz zu dem Onkel in das Zimmer. Du kannst ja in der Spielecke solange spielen. Wir kommen gleich wieder.“ 

Sie kamen nicht.

Später glaubte ich, sie hätten mich verloren oder vergessen. Ich blieb ohne die Liebe und Fürsorge meiner Eltern zurück.  Meine Verzweiflung schlug im Laufe der Wochen und Monate in Traurigkeit und Apathie um. Ohne meine Mutter wollte ich nicht mehr leben.

Irgendwann waren meine Eltern wieder da und holten mich nach einem halben Jahr Einsamkeit im Krankenhaus zurück nach Hause. Damals war es nicht erlaubt, dass Eltern ihre Kinder in Kliniken besuchten. Welch Trauerspiel für viele verstörte Kinderherzen.

 

Meinen tiefen Schmerz hatte ich verdrängt. All die Jahre. Ich hatte ihn nie ernstgenommen. 

Hatte ich mich selbst nicht ernstgenommen?

 

Der Zwischenfall auf dem Weihnachtsmarkt ist nun einige Jahre her.

Seitdem sorge ich für mein inneres Kind. Dies ist ein psychologischer Begriff, der tief unbewusste Persönlichkeitsanteile des Menschen bezeichnet. Dieser Teil von uns ist es, der verdrängt und verleugnet wird und DADURCH für Leid und Krankheit sorgt. Ich gebe jetzt diesem Teil in mir meine volle Aufmerksamkeit und damit Annahme und Geborgenheit. Immer wieder. So oft es nötig ist. Vielleicht ein Leben lang. Das tut mir unendlich gut, denn ich spüre, wie mein Herz immer weicher und empfänglicher für meine eigene Liebe wird.

Die größte Angst des Menschen ist die Angst vor Veränderung. Es ist das Unbekannte in unserer eigenen Tiefe, das wir am meisten fürchten.

Zu diesem Ergebnis bin ich letztlich durch die Fragerunde gekommen. 

Die offenen und bereitwilligen Antworten der Befragten haben allerdings nicht so sehr dazu beigetragen, wie die Nicht- und Ausweichantworten vieler Angeschriebener!

 

Ungefähr fünfzehn Personen haben überhaupt nicht geantwortet, obwohl sie gute Freunde und sehr zuverlässig sind. Keine Zeit? Keine Lust? Oder Frust? Vielleicht habe ich auch zu tief gegraben und an Mauern gerüttelt, die nicht so fest sind wie sie erscheinen.

 

Einige meiner Freunde haben mir ganz klar gesagt, dass sie nicht über ihre Ängste nachdenken oder sprechen wollen (ups…ich hatte nicht nach ihren Ängsten gefragt, sondern nach ihrer Meinung über die größte Angst des Menschen!). Zwei oder drei andere meinten, man solle nicht über Ängste nachdenken, sondern sich lieber ein kühles Bierchen gönnen, sich Witze erzählen oder guten Rock hören. Wie dem auch sei, allein das Nachdenken über die Ängste der Allgemeinheit scheint bei manchen Zeitgenossen die eigenen schon heftig nach oben zu spülen. Und einigen Widerstand noch dazu. Ich glaube, dass die meisten Menschen sich tatsächlich vor gravierenden Veränderungen fürchten, nämlich solche, die das ganze Leben und Erleben umkrempeln. Sie sehen noch nicht, dass durch große Umwälzungen auch immer neue Möglichkeiten geboren werden und Besseres entstehen kann. 

Das ist übrigens Evolution! Schon immer. 

 

Fazit: Auch wenn wir die Angst nicht mögen, können wir ihr überaus dankbar sein, denn sie zeigt uns auf, dass da etwas in uns ist, was wahrgenommen werden und heilen will. Angst ist ein Wecker, der uns aufruft nach innen zu schauen. Und damit offenbart uns dieses beklemmende Gefühl einen Weg, vollkommen frei und glücklich zu werden.

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Gitte Malou Weiß

Spirituelle Lehrerin - Autorin

HÖVELHOF / OSTWESTFALEN

E-Mail: gitte.weiss@freenet.de